Das weiße Kieselsteinchen

Weise Geschichten die berühren, verzaubern, motivieren und inspirieren.

Vor langer Zeit lebte in einem kleinen Dorf ein ehrbarer Bauer. Sein
größtes Glück war seine liebreizende und kluge Tochter.
Eines Jahres, als ein fürchterliches Unwetter übers Land zog, wurde
seine gesamte Ernte vernichtet und er geriet in große Not.
Er hörte von seinen Nachbarn, dass es in der Stadt Männer gäbe, die
Geld verleihen würden. Erstmalig in seinem Leben beschloss der Bauer
einen Schuldschein zu unterschreiben, um wieder neues Saatgut kaufen
zu können.


Wie es das Schicksal fügte, kam der Bauer zu einem alten Geldverleiher,
von dessen zweifelhaftem Ruf ihm nichts bekannt war. Daher lieh er sich
bei diesem eine ansehnliche Summe an Geld.
Nach einem Jahr kam der Wucherer zu des Bauern Hof, um sein Geld
samt hohem Zins einzutreiben. Da jedoch in diesem Jahr die Ernte sehr
mager ausgefallen war, konnte der Bauer nicht bezahlen.


Der unfreundliche Geldeintreiber sah des Bauern junge Tochter und fand
sofort Gefallen an ihr. Er schlug dem Bauern folgenden Handel vor: Wenn
er ihm seine Tochter zur Frau gäbe, wären ihm alle Schulden erlassen.
Der Bauer und seine Tochter waren bestürzt über diesen Antrag.
So zeigte sich der Wucherer großzügig und schlug vor, dass sie Glück und
Zufall entscheiden lassen sollten. Er wolle von dem Weg einen schwarzen
und einen weißen Kieselstein in seinen Beutel geben. Die Tochter
solle einen Stein ziehen. Nähme sie den schwarzen Stein, müsse sie den
Alten heiraten und des Bauern Schulden wären erlassen. Nähme sie den
weißen Stein, bräuchte sie ihn nicht zu heiraten und die Schulden wären
ebenfalls erlassen. Sollte sie sich auf den Handel nicht einlassen, müsse
der Bauer in den Schuldturm.


Während er seinen Handel vortrug, bückte sich der Geldeintreiber und
nahm blitzschnell zwei Kieselsteine vom Weg und steckte diese in seinen
Beutel.
Die Angst hatte wohl die Tochter argwöhnisch gemacht und sie bemerkte
mit scharfem Auge, dass der Wucherer zwei schwarze Steine in dem
Beutel verschwinden ließ!
Sie schwieg über das Gesehene und überlegte. Egal welchen Stein sie
ziehen würde, sie müsste den Alten heiraten. Ihn als Betrüger zu entlarven
würde nichts bringen, denn der Vater würde in den Schuldturm
wandern. Jedoch heiraten wollte sie ihn niemals!


Die Tochter griff in den Beutel, um einen Kieselstein zu entnehmen und
ließ diesen scheinbar unabsichtlich auf den Weg fallen.
»Oh, wie bin ich doch unbeholfen!«, rief sie aus, »Bei den vielen weißen
und schwarzen Steinen auf dem Weg können wir den gezogenen gar
nicht mehr benennen!«


Die kluge Tochter gab vor, kurz zu überlegen und sagte schnell: »Doch
eigentlich ändert dies nichts an der Sache. Wir nehmen einfach den
verbleibenden Stein aus dem Beutel, der wird uns zeigen, welche Farbe
ich gewählt habe.«


Der Wucherer erkannte seine Lage und getraute sich nicht, seinen
Schwindel zu gestehen.

© Gisela Rieger; aus dem Buch „Inspirationen für`s Herz“ ;

ISBN 978-3-00-050869-1

(Wir nutzen die Geschichte mit freundlicher Genehmigung durch die Autorin. Danke!)


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Zitat/Weisheit zu dieser Geschichte

"Es ist nicht genug zu wissen,
man muss es auch anwenden.
Es ist nicht genug zu wollen,
man muss es auch tun."

 

Zitat: Johann Wolfgang von Goethe, Dichter, 1749-1832