Lebensabschnitte

Geschichten, Erzählungen und Weisheiten die Richtung geben und das Herz ♥ berühren!

Ich führte eine sehr glückliche Ehe, jedenfalls über viele Jahre hinweg.

Mein Mann und ich haben uns während des Studiums kennen- und lieben

gelernt, und beiden war uns klar, dass unsere Herzen für immer zusammengehörten.

So haben wir schon nach nur einem Jahr „wilder Ehe“ geheiratet.

Wir waren auch für all unsere Freuden das „Vorzeigeehepaar“,

wie sie uns oft benannten. Ja, wir liebten uns unendlich, hielten zusammen,

bauten gemeinsam unser Traumhaus, bekamen unsere drei Wunschkinder,

hatten keine großen finanziellen Sorgen, … beinahe wie im Bilderbuch.

Ich kann auch gar nicht mehr sagen, wie und wann genau sich das veränderte.

Die Kinder waren alle längst aus dem Haus, aber sie besuchten uns

regelmäßig mit unseren Enkelkindern. Das waren dann gute Tage, es kam

Leben zurück in unser trautes Heim. Aber wenn der Besuch wieder weg

war, befiel uns das große Schweigen. Wir hatten uns nichts mehr zu sagen,

wir stritten nicht einmal. Es war nur so, dass wir immer häufiger getrennte

Wege gingen. Während mein Mann jede freie Stunde auf dem Golfplatz

verbrachte und die Abende oft mit seinen Freunden beim Kartenspiel, unternahm

ich mit meinen Freundinnen diverse Bergtouren und ging abends

gerne in Konzerte oder zu Theateraufführungen.

 

Die wertvollsten Reichtümer kann man nicht kaufen:

Dann stand wieder einmal Weihnachten vor der Tür, wir beide waren ganz

alleine, da unsere Kinder mit den Enkeln immer erst am zweiten Weihnachtsfeiertag

eintrudelten. Vollkommen emotionslos blickten mein

Mann und ich auf den festlich geschmückten Christbaum. Keiner hatte,

wie früher üblich, für den anderen ein mit Liebe ausgesuchtes Geschenk

besorgt, da wir gar nicht mehr wussten, was wir uns gegenseitig schenken

sollten. Wie sagt man so schön – die Luft war raus! Aber wir kamen nach

langer Zeit endlich wieder ins Gespräch.

Wir mochten und schätzten einander nach wie vor – aber die Liebe war

verschwunden – es war einfach passiert, sozusagen ein schleichender Prozess,

und keiner konnte sagen, wann und wie dies genau geschehen war.

Mein Mann ging in den Keller und kam mit einer Flasche unseres Lieblingsrotweins

zurück. Wir redeten und redeten bis weit nach Mitternacht. Wir

beschlossen, dass jeder für sich zwei Wochen Urlaub machen würde, um

sich über seine Gefühle klar zu werden.

 

Wer gWer dagegen all seine Gefühle zulässt, der wird meist vieles gewinnen.

Mein Mann buchte also eine Golfreise in wärmeren Gefilden, und ich zog

mich in ein kleines Hotel in ein verschlafenes Bergdörfchen zurück.

Während meiner täglichen Wanderungen dachte ich viel nach. Über mich,

mein Leben und meine Ehe. Ich war weder traurig noch glücklich, eher

überwog das Gefühl einer großen Dankbarkeit für die vielen guten Jahre,

und auch eine gewisse Abgeklärtheit stellte sich ein.

Nach einer Woche Wanderurlaub saß mir beim Abendessen ein neu angereister

Gast am Nebentisch gegenüber. Er grüßte freundlich und schaute

mir kurz in die Augen. Ich weiß nicht, wie das geschah – aber ich bekam

Herzklopfen, und die Röte stieg mir ins Gesicht, ich fühlte mich wie ein

Teenager. An diesem Abend saß ich nicht lange allein an meinem Tisch,

mein äußerst sympathischer Tischnachbar spendierte eine Flasche Wein,

und so waren wir die letzten Gäste, die ein wenig beschwipst das Restaurant

verließen.

Meine zweite Urlaubswoche verbrachte ich von morgens bis abends mit

meiner neuen Bekanntschaft. Es fühlte sich an, als ob wir uns schon seit

Jahren kennen würden. Vielleicht lag es an unserem gemeinsamen Thema,

denn auch er machte „Urlaub von der Ehe“, um sich klar zu werden, ob

er und seine Frau zusammenbleiben oder sich trennen sollten.

Wir sprachen über Gott und die Welt und stellten fest, dass wir viele gemeinsame

Interessen hatten.

Unsere Augen sprachen zwar Bände, aber beide vermieden wir es stets,

uns körperlich näher zu kommen. An unserem letzten gemeinsamen Tag

bestiegen wir, schweigsam nebeneinander im Gleichschritt einhergehend,

den Berg. Mir war nicht nach einer Unterhaltung zumute, und meine Gedanken

drehten sich im Kreis.

Vermutlich war ich, abgelenkt vom Kopfkino, ein wenig unachtsam. Ich

machte, kaum am Gipfel angekommen, einen falschen Schritt, kam ins

Rutschen und landete prompt sicher in den Armen meines Begleiters.

So kam es, wie es kommen musste: Wir lagen uns in den Armen und gaben

uns einen filmreifen Kuss – bei dem es freilich nicht blieb. Wir konnten es

kaum erwarten, vom Gipfel ins Hotel zu kommen, wo wir die Zimmertür

hinter uns schlossen und uns treiben ließen. Mein Verstand hatte komplett

ausgesetzt und mein Gefühl hatte die Regie übernommen. Es waren

unvergesslich schöne Stunden, die wir miteinander erlebten.

 

Die Sternstunden meines Lebens sind gefüanz viel Lebensfreude.

Am nächsten Morgen, als wir müde und eng umschlungen aufwachten,

waren wir zwar überglücklich, allerdings hatten wir beide auch ein

schlechtes Gewissen – schließlich waren wir ja in den Urlaub gefahren, um

darüber nachzudenken, ob man der bestehenden Ehe noch eine Chance

geben sollte. O.K., ich hatte ja zumindest eine Woche Zeit zum Nachdenken

gehabt, und mein Herzensmann hatte noch eine Woche vor sich. Um

unser Gewissen ein wenig zu bereinigen, beschlossen wir beim Abschied,

keinerlei Kontaktdaten auszutauschen. Wir wollten, unbeeinflusst vom

jeweils anderen, ganz unabhängig und frei entscheiden können, ob wir

unsere langjährigen Beziehungen aufrechterhalten wollten oder nicht.

So beschlossen wir für den Fall, dass wir in fünf Wochen beide frei sein

sollten, uns in Salzburg zu den Festspielen treffen. Das genaue Datum sowie

die Uhrzeit für den „eventuellen“ Treffpunkt wurden festgelegt.

Als ich wieder zuhause angekommen war, verflogen meine Gewissensbisse

schnell, denn mein Mann fiel gleich mit der Tür ins Haus und teilte mir

mit, dass er sich im Urlaub verliebt habe.

Erleichtert umarmte ich ihn und erzählte, dass ich dies zwar nicht erwartet,

es aber bestens verstehen konnte.

Nun bereute ich es zutiefst, mit meinem Herzensmann keine Kontaktdaten

ausgetauscht zu haben. Ich wusste nur seinen Vornamen und dass

er in Salzburg lebte. Kurz überlegte ich, wie viele Josefs es wohl in dieser

Stadt geben würde. Vermutlich genauso viele, wie Michaelas in München.

Also musste ich die fünf langen Wochen bis zu unserem Wiedersehen abwarten.

Fünf Wochen voller Sehnsucht!

 

Die Zeit vergeht zu langsam, wenn man traurig ist. Die Zeit vergeht zu verfliegt, wenn man verliebt ist.

Aber dann kam endlich der Tag. Voller Vorfreude besorgte ich mir ein

Ticket für den früheren Zug, sodass auf keinen Fall etwas schiefgehen

konnte! Ich saß in der Regionalbahn nach Salzburg, meine Glückshormone

purzelten, denn ich kam meinem geliebten Herzensmann immer näher.

Zumindest bis nach Bad Endorf – dann hieß es: Endstation – alles aussteigen

– es habe auf der Strecke einen schweren Unfall gegeben – aber der

Schienenersatzverkehr sei schon angefordert. Ich lief mir vor Aufregung

beinahe meine Füße wund, bis ich endlich einsehen musste, dass ich den

vereinbarten Zeitpunkt unseres Treffens unmöglich schaffen konnte,

selbst wenn Josef eine Weile auf mich warten würde – falls er überhaupt

da sein sollte … mein Kopfkino spielte gerade ein großes Drama ab, und

so sank ich auf eine Bank. Die Enttäuschung war mir ins Gesicht geschrieben,

und ich konnte meine Tränen kaum noch aufhalten.

Da sprach mich plötzlich eine Frau, ähnlich festlich gekleidet wie ich, an:

„Wollten Sie auch zu den Salzburger Festspielen?“ Da es mir in meiner Verzweiflung

die Kehle zuschnürte, konnte ich nur nicken. Dann strahlte sie

mich an und teilte mir mit, dass sie mit ihrer Schwester auch gerade auf

dem Weg dorthin sei und in wenigen Minuten nun ihr Mann käme, um sie

noch pünktlich nach Salzburg zu bringen und: Im Auto war noch ein Sitzplatz

frei!

Was soll ich noch sagen – Glück im Unglück – ich schaffte es gerade noch

rechtzeitig. Schon von Weitem sah ich meinen Herzensmann mit einer roten

Rose auf mich zukommen …

Zum Glück habe ich mit meinen Rettern die Kontaktdaten ausgetauscht,

denn zu ihnen entstand eine enge Freundschaft. Ja, sie wurden sogar unsere

Trauzeugen und haben erst letzte Woche mit uns auf unseren zehnten

Hochzeitstag angestoßen.

 

Diese Geschichte stammt aus dem Buch "Sonnenseiten des Lebens" . Das Geschichtenbuch ist im Buchhandel, online (ISBN: 978-3-9819881-2-3) oder unter www.gisela-rieger.de erhältlich.

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Zitat/Weisheit zu dieser Geschichte

"JA zu allem sagen was ist, erkennen dass alles EINS ist, dies ermöglicht der befreite Geist. Das große ICH (das Selbst)."

 

Zitat: Ronald Mayrhofer